Gedichte

von Carl Wilhelm Macke

Patrizia Cavalli hat einmal ein sehr irritierendes Gedicht geschrieben:

 

Qualcuno mi ha detto

che certo le mie poesie

non cambieranno il mondo.

 

Io rispondo che certo sì

le mie poesie

non cambieranno il mondo.

 

Wenn man fast täglich (im Rahmen der Koordinierung des Netzwerks „Journalisten helfen Journalisten“ www.journalistenhelfen.org) mit Mord und Totschlag auf allen fünf Kontinenten konfrontiert wird, dann ist das Gedicht von Patrizia Cavalli über die Nutzlosigkeit von Lyrik für eine Veränderung der Welt nur eine einzige große Provokation. Aber warum schreiben dann immer wieder auch verfolgte Journalisten in aller Welt neben ihren Recherchen über korrupte und diktatorische Regime Gedichte?! Evviva la Poesia! Gäbe es sie nicht, würde uns etwas fehlen - etwas Grosses, etwas, das uns leben und träumen, kämpfen und trauern, lieben und verzeihen läßt.

Ortwechsel

Zurückgekommen

 

aber von wo aufgebrochen.

 

Gefunden

 

aber was habe ich gesucht.

 

Heimat

 

aber mir fehlt die Fremde.

Der mir liebste italienische Lyriker ist Giorgio Caproni. Er hat einige mich sehr bewegende Gedichte über die Suche nach einem Ort und einer Identität im Leben geschrieben. Ein Echo von diesen Gedichten spürt man vielleicht in diesem Gedicht…

Aber das Licht

Sich verlieren in alten Strassen,

 

entlang zeitabgewandter Mauern

 

und auf stummen Steinen gehen.

 

Am Himmel aber die neuen Wolken

 

das Licht, das Licht so hell.

 

 

Eine andere Stadt erwarten.

Dieses Gedicht ist eine poetische Skizze zu Ferrara, ‚la città italiana della mia scelta‘. Und bei jedem Aufenthalt in dieser Stadt der Ebene erwarte ich eine neue Stadt, die ich bislang noch nicht gesehen habe…

Mein Amerika

Mein Amerika ist still,

 

selten der Schrei eines Vogels

 

aussterbender Art.

 

Und über den Ebenen

 

treiben traurige Träume.

 

Da, wo du bist

 

dort ist mein Amerika.

Ein ähnliches Gedicht gibt es von der wunderbaren deutschen Lyrikerin Rose Ausländer, das mich inspiriert hat. Ich war noch nie in Amerika und habe nur wenig von der Welt gesehen. Das macht mich traurig, aber ich habe immer auch ein ‚anderes Amerika‘ im Kopf. Da wo ‚Du‘ bist, ist mein Amerika…

Venedig, endlich

Auf der Giudecca

 

öffnen sie jetzt ihre Türen.

 

Ein Blick gilt dem Himmel

 

ein anderer dem Meer.

 

Schiffe gen Griechenland

 

und hoffnungswärts meine Liebe.

Von Ferrara ist es nicht weit nach Venedig. Oft bin ich jetzt schon in dieser faszinierenden, aber sehr bedrohten Stadt gewesen. Und auch von dort aus gehen meine Sehnsüchte und Träume in andere Länder, in ein anderes Leben. ‚Hoffnungswärts‘ kann man vielleicht gar nicht ins Italienische übersetzen ( ‚verso la speranza‘…). Vielleicht kann die eigene Hoffnung nie erfüllt werden, aber wir bewegen uns immer in ihre Richtung. ‚Hoffnungswärts…